Symposium: Psychotherapie in der Psychoonkologie – Zur Bedeutung der therapeutischen Beziehung bei existenzieller Bedrohung

Moderation: Dr. Katrin Reuter, Dr. Klaus Lang

Zeitrahmen: 90 Min

Bei langen Krankheitsverläufen beinhalten psychoonkologische Behandlungen neben Kurzkontakten, Kriseninterventionen und Beratungen auch langfristige psychotherapeutische Prozesse. Diesen widmet sich das Symposium, indem es die besondere Bedeutung der therapeutischen Beziehung vor dem Hintergrund der Lebensbedrohung fokussiert. In drei Vorträgen werden spezifische Aspekte der Bindung (Dr. Schulz-Kindermann), die Lösung der therapeutischen Beziehung am Behandlungsende (Dr. Wittorf) und der therapeutenseitige Beziehungsabschluss nach dem Tod von Patienten (Dr. Lang)  behandelt.

Nach den Vorträgen ist eine 20-minütige Podiumsdiskussion mit Beteiligung des Publikums geplant.

 

1. Bedrohungen des Bindungssystems bei schwerer Erkrankung – Bindungsmuster onkologischer Patienten

Dr. Frank Schulz-Kindermann (Hamburg)

Katharina Scheffold (Hamburg), Anja Mehnert (Leipzig), Martin Härter (Hamburg)

Hintergrund: Die Entwicklung von Bindungsmustern in der frühen Kindheit hat nachhaltige Auswirkungen über alle Lebensphasen. Die Konfrontation mit schwerer, lebensbedrohlicher Erkrankung geht mit einer Aktivierung des Bindungssystems einher. Unsicher gebundene Patienten erleben erneute Abhängigkeit und Kontrollverlust und können auf frühe Bindungsmuster zurückfallen.

Methoden N=206 Patienten wurden Im Rahmen einer randomisierten Therapievergleichsstudie bei fortgeschritten erkrankten onkologischen Patienten in Leipzig und Hamburg befragt. Eingeschlossen wurden Patienten mit soliden Tumoren im UICC Stadium III oder IV und einem PHQ-9 ≥ 9 und / oder Distress ≥ 5. Zur Erhebung der Bindung wurde die Experience in Close Relationships Scale (ECR-M16) eingesetzt, des Weiteren der PHQ-9, sowie die Death and Dying Distress Scale (DADDS) zur Erhebung von Depressionen und Todesangst.

Ergebnisse: Es zeigt sich ein erhöhter Anteil unsicherer Bindungsstile im Vergleich zu einer gesunden Stichprobe. Für ängstlich-vermeidend und besitzergreifend gebundene Patienten im fortgeschrittenen Krankheitsstadium besteht ein erhöhtes Risiko, unter Depressionen oder Todesangst zu leiden. Vermeidend gebundene Patienten hingegen weisen niedrigere Werte psychischer Belastung auf.

Diskussion: Den Bindungsstilen onkologischer Patienten sollten sowohl im psychotherapeutischen Kontakt, als auch in nahen Beziehungen der Patienten, wie im medizinisch-pflegerischen Versorgungssystem mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Bei der Implementierung und Weiterentwicklung therapeutischer Angebote für fortgeschritten erkrankte Krebspatienten sollte der Bindungsstil der Patienten beachtet werden, um psychische Belastungen verstehbarer zu machen und potentiell zu reduzieren. Im Vortrag berichten wir über Beispiele aus evaluierter psychoonkologischer Praxis, sowie über erste empirische Daten in Bezug auf Bindungsmuster und die psychische Belastung bei palliativer Krankheitssituation und Todesbedrohung.

 

 

2. Beendigung von ambulanten Psychotherapien in der Todesnähe

Dr. Susanne Wittorf (Osnabrück)

Eine Beendigung von ambulanten Psychotherapien mit progressiv erkrankten oder sterbenden Menschen stellt besondere Anforderungen an Psychotherapeuten:

Methoden: Ambulante Psychotherapien

Ergebnisse:    Fallvignietten:  1. „Ich brauche sie nun nicht mehr.“ / 2. „Ich kann nicht mehr zu ihnen in die Praxis kommen.“

Diskussion: Auf die Realisierung der Todesnähe kann es sehr unterschiedliche Reaktionen geben von Verleugnung bis zu Akzeptanz oder auch Verzweiflung. Für manche Patienten ist ein Gespräch über ihre Gefühle und Sorgen angesichts ihrer Endlichkeit sehr entlastend, während andere, trotz der Erwartungen von Behandlern, auf ihre Weise mit einer Krankheitsprogression umgehen, ohne jemals explizit darüber gesprochen haben. Wesentlich ist daher eine aktive Offenheit des Psychotherapeuten, mit der Patienten sich mit ihren Themen von Endlichkeit, Sterben sowie dem Abschied vom Psychotherapeuten eingeladen fühlen können. Häufig pendeln Patienten zwischen Akzeptanz, Verleugnung, Enttäuschung oder Verzweiflung, was vom Psychotherapeuten verlangt, eigene Bedürfnisse nach Struktur und Vorhersehbarkeit von Gesprächen hinten anzustellen. In der existentiellen Begegnung angesichts der Todesnähe kann eine sehr innige Verbindung entstehen, in der professionelle Grenzen verwischen. Auch der Psychotherapeut ist gefordert, sich mit der eigenen Sterblichkeit, den Grenzen therapeutischer Möglichkeiten sowie dem Verlust eines Menschen, mit dem eine intensive professionelle Beziehung entstanden ist, auseinanderzusetzen.

     

     

    3. Wenn die Therapiebeziehung mit dem Tod des Patienten endet: Was bleibt auf Therapeutenseite?

    Dr. Klaus Lang (München)

    Die psychotherapeutische Beziehung ist in der letzten Lebensphase mitunter von besonderer Empathie, Authentizität und geteilter Trauer geprägt. Was geschieht mit dieser Beziehung nach dem Tod? Endet sie von selbst, nach einem Mehr oder Weniger an verstrichener Zeit? Oder überdauern Beziehungsspuren in unseren Gedanken und Gefühlen? Welcher Anspruch an einen Beziehungsabschluss ist in diesem Fall angemessen? Über welche Möglichkeiten verfügen wir, um die Beziehung zu Patienten post mortem so abzuschließen oder zu verwandeln, wie es unserem je eigenen Anspruch an Professionalität und Berührbarkeit entspricht?

    In der psychotherapeutischen Literatur finden sich kaum Ausführungen zu diesem Thema. Aus dem Bereich der Hospiz- und Palliativversorgung stammen einige wenige Veröffentlichungen, die zwar nicht speziell auf die Psychotherapiebeziehung fokussieren, aber dennoch Impulse für unsere Profession liefern können. Sie werden im vorliegenden Beitrag zusammengefasst und mit eigenen Erfahrungen und Überlegungen verknüpft.

    Dabei wird zunächst das therapeutenseitige Bedürfnis nach einem Beziehungsabschluss diskutiert. Anschließend werden Fragen des therapeutischen Handelns erörtert: Wie gehen wir nach einer Todesnachricht mit unseren eigenen Gefühlen und Gedanken um? Gibt es hilfreiche Rituale? Nehmen wir Kontakt zu Hinterbliebenen auf und wie gestalten wir diese Beziehungsaufnahme? Was bedeutet eine solche Beziehungsaufnahme für die Angehörigen, was für uns selbst? Was tun wir, wenn wir keine Todesnachricht erhalten und auf Mutmaßungen angewiesen sind?

    Hinsichtlich dieser Fragen möchte der Beitrag sensibilisieren und zu eigenen Antworten anregen.