Symposium Psycho-Somatik in der Onkologie

Freitag, 24.09.2021 09:00 – 10:30 Uhr

Die Psychoonkologie ist als relativ junge Fachdisziplin im Kontext der Psychosomatik – und damit auch psychophysiologisch – verortet. Zugleich ist die psychosoziale Unterstützung von Krebskranken und ihrer Angehörigen interdisziplinär zu verstehen und heute geradezu eine Selbstverständlichkeit einer ganzheitlichen therapeutischen Haltung des Behandlungsteams.
In der Praxis steht der Umgang mit krankheitsbezogenen Belastungen (Distress) und die Förderung der Lebensqualität im Mittelpunkt. Dabei soll die Psychoonkologie gemäß S3-Leitlinie auch einen Beitrag zur wissenschaftlichen Erforschung der Bedeutung psychologischer und sozialer Faktoren für die Entstehung, Früherkennung, Diagnostik, Behandlung, Rehabilitation, Nachsorge sowie den gesamten Verlauf einer Tumorerkrankung leisten.

Wir möchten in diesem Symposium einen Bogen spannen von der ärztlichen Perspektive der Patientenbegleitung über die geschichtliche Entwicklung der Psychoonkologie bis zu neueren Erkenntnissen der Immunregulation und Resilienz auf zellulärer Ebene.

 

 

Medizinische Perspektive

Entwicklung der Psychoonkologie – aus medizinischer Sicht
Prof. Dr. Martin Bommer, Alb Fils Kliniken, Göppingen und Geislingen

Im Alltag alle Aspekte einer Krebserkrankung – nicht nur die medizinischen – zu adressieren, gelingt einem Onkologen nur schwerlich.  „Was kann ich noch tun Herr Doktor?“ Mit dieser Frage werden wir daher regelmäßig konfrontiert. Angehörige und Patienten wollen ihren Beitrag zur Behandlung leisten und damit eine der wesentlichen Komponenten zur Genesung liefern. Manche Angehörige stürzen sich auf medizinisch-technische Aspekte, vertiefen sich in Details um möglichst umfassend alle biologischen Zusammenhänge zu verstehen. Andere bemühen Zweit-, Dritt- oder Viertmeinungen oder gar Außenseitermethoden nur um Ihrer Rolle gerecht zu werden. Zu glauben, diese Aspekte seien zweitrangig und lediglich additiv oder gar störend, verkennt deren Auswirkungen auf den Behandlungserfolg. Nur Patienten, welche alle Seiten Ihrer Erkrankung wahrgenommen sehen, sind in der Lage Strategien für einen stabilen Behandlungsablauf zu entwickeln. Nur Angehörige, welche ihre Sorgen ausreichend abgebildet wissen, können die erforderliche Unterstützung entwickeln. Wichtig ist ein niederschwelliges Angebot an qualifizierter Beratung über die Grenzen der sektoralen Versorgung hinweg. Optimal ist ein bereits während des stationären Aufenthaltes begonnenes und im Verlauf stabiles ambulantes psycho-onkologisches Angebot. Zertifizierte onkologische Zentren sind in der Lage, dieses Angebot sicherzustellen und daher zwingende Voraussetzung, um auch in Zukunft die flächendeckende Versorgung von onkologischen Patienten zu gewährleisten.

 

 

Psychologische Perspektive

Entwicklung der Psychoonkologie – aus psychologischer Sicht
Prof. Dr. Tanja Zimmermann, Medizinische Hochschule Hannover

Die Psychoonkologie mit ihren internationalen Ursprüngen ab Mitte der 1970er-Jahre hat sich als noch junge, interdisziplinäre Fachrichtung gegründet, um Krebserkrankten und Angehörigen im Umgang mit den psychosozialen Herausforderungen zu unterstützen. Erfreulicherweise hat sich die Psychoonkologie in den letzten Jahrzehnten sowohl international als auch in Deutschland zunehmend etabliert. Eine bedarfsgerechte und frühzeitige psychoonkologische Versorgung ist im Nationalen Krebsplan als integraler Bestandteil einer umfassenden Krebsbehandlung definiert. Darüber hinaus haben u.a. die Zertifizierungsanforderungen an Organkrebszentren durch die Deutsche Krebsgesellschaft, die Förderung Onkologischer Spitzenzentren durch die Deutsche Krebshilfe sowie die Nationale Dekade gegen Krebs die Sichtbarkeit und Versorgungsmöglichkeiten der Psychoonkologie gestärkt. Die psychoonkologische Versorgung ist vielseitig, breit und umfasst die psychoonkologische Akutversorgung im Krankenhaus bis hin zu einer psychotherapeutischen ambulanten Versorgung. Trotz der vielfältigen Versorgungsmöglichkeiten haben – insbesondere im ambulanten Bereich – viele Krebserkrankte und Angehörige Schwierigkeiten, eine psychoonkologische Unterstützung zu finden. Darüber hinaus setzt sich die Psychoonkologie aktuell auch mit weiteren wichtigen Fragen auseinander wie z.B. der Ermittlung des Unterstützungsbedarfs bei Patienten (Frage nach dem Wie, Wann und durch Wen) und der daraus resultieren bedarfsgerechten Versorgung. Auch die Frage nach der Qualifikation des psychoonkologischen Teams ist bedeutsam, um eine hochwertige psychoonkologische Versorgung sicher stellen zu können. Im Vortrag werden Implikationen für die Entwicklung der psychoonkologischen Versorgung in Deutschland diskutiert.

 

 

Molekulare Psychosomatik

„Alte Freunde“ - Immunregulation und Stressresilienz
Prof. Dr. Stefan O. Reber, Universitätsklinikum Ulm

Obwohl mentale Erkrankungen sehr häufig sind und ihre Prävalenz kontinuierlich ansteigt, sind die zugrundeliegenden Mechanismen noch weitgehend unverstanden und die Behandlungsmöglichkeiten limitiert. In den vergangenen Jahren häuften sich jedoch die Hinweise dafür, dass eine stressassoziierte Immunaktivierung und die daraus resultierende chronische niedrigschwellige Entzündungsreaktion eine kausale Rolle bei der Entstehung dieser stressbedingten Erkrankungen spielen könnte.

Die Vorfahren des heutigen Menschen lebten ca. 2 Millionen Jahre lang als Jäger und Sammler und waren während dieser Zeit von zahllosen Mikroorganismen umgeben. Diese besiedelten auch die Haut und diverse Schleimhäute (z.B. Urogenitaltrakt, bronchioalveoläres und intestinales System) und werden heute unter dem Begriff “Mikrobioata” zusammengefasst.  Die “Old Friends”-Hypothese geht davon aus, dass diese Mikroorganismen eine gewisse Immuntoleranz induzieren und somit verhindern konnten, vom Immunsystem des Menschen angegriffen zu werden. Weiterhin geht diese Hypothese davon aus, dass es im Lauf der Evolution durch die fortschreitende Urbanisierung und damit einhergehende Maßnahmen (z.B. gesteigerte Hygiene, Behandlung des Trinkwassers, Einsatz von Antibiotika, geänderte Ernährungsgewohnheiten, Verringerung des Naturkontakts, mehr Kaiserschnitte, weniger Stillen) zu einem verringerten Kontakt mit diesen “alten Freunden” gekommen ist, was schließlich zu immunregulatorischen Defiziten führte. Die Folge davon ist, dass das Immunsystem häufig gegen harmlose Umweltantigene (Allergien) und körpereigene Antigene (Autoimmunerkrankungen) vorgeht, aber auch bei psychosozialem Stress überreagiert und bei wiederkehrenden Stressoren in einer chronischen niedrigschwelligen Entzündungsreaktion resultiert.

Neben einer allgemeinen Einleitung zur Mikrobiom und “Old Friends” Thematik soll der Zusammenhang zwischen einer stressassoziierten Immunaktivierung und dem Entstehen von mentalen Pathologien vermittelt werden. Weiterhin soll mittels ersten tierexperimentellen Befunden beleuchtet werden, wie die aus der “Old Friends” Hypothese gewonnenen Erkenntnisse dazu beitragen können, die Stressresilienz zu fördern bzw. die Stressvulnerabilität zu verringern.
In diesem Zusammenhang soll auch diskutiert werden, welche Erkenntnisse wir für die Stressresilienz bei onkologischen Patienten gewinnen können.