Symposium Cancer Survivorship

Samstag, 25.09.2021 11:45 – 13:30 Uhr


Die Fortschritte der medizinischen Therapieoptionen machen Krebserkrankungen immer häufiger heilbar. Für viele Betroffene bedeutet dies ein (Über-)Leben mit einem eventuell chronischen Krankheitsverlauf. Wir sprechen hier von „Cancer Survivorship“. Die Folgestörungen und Probleme können vielfältig sein und erfordern auch eine Neubestimmung der psychoonkologischen Versorgung. Worauf kommt es dabei an? Das ist unser Thema in diesem Symposium.

 

 

Psychosoziale Aspekte

Psychosoziale Langzeitfolgen und Versorgungsbedarfe
Prof. Dr. Anja Mehnert-Theuerkauf, Leipzig

Das Thema Cancer Survivorship – Leben mit und nach einer Krebserkrankung – ist hochaktuell. Fortschritte in der Krebsfrüherkennung, multimodale und zielgerichtete Krebstherapien sowie eine verbesserte integrative und supportive Versorgung tragen zur Senkung der Krebssterblichkeit bei. Nach den Zahlen des Robert Koch-Instituts erkranken in Deutschland jährlich knapp 0,5 Mio. Menschen neu an Krebs. Die Anzahl der mit einer Krebserkrankung lebenden Menschen ist im Vergleich zu den Neuerkrankungen deutlich angestiegen, d. h. die Überlebensaussichten der Patienten haben sich in den letzten 30 Jahren verbessert. Krebs ist für viele Patientinnen und Patienten zu einer chronischen Erkrankung geworden. Trotz dieser positiven Entwicklung bedeutet Leben mit und nach einer Krebserkrankung aber auch ein Leben mit vielfältigen körperlichen und psychosozialen Folgestörungen und Problemlagen. Diese Entwicklungen und Herausforderungen werden im Nationalen Krebsplan des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) als auch im Rahmen der Nationalen Dekade gegen Krebs durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) aufgegriffen. Der Beitrag gib einen Überblick über psychosoziale Langzeitfolgen und erläutert klinische und wissenschaftliche Herausforderungen mit Blick auf die Sekundär- und Tertiärprävention, die Stärkung von Selbstmanagement- und Gesundheitskompetenzen sowie die Versorgung neuer, wiederkehrender oder anhaltender Folgestörungen und Problemlagen.

 

 

Mythen und Realitäten

Mythen und Realitäten seitens Patienten und Klinikern
Prof. Dr. Friedrich Stiefel, Lausanne

In der Einführung werden die Genealogie des Cancer Survivorships und die bei der Entstehung wirksamen Faktoren kurz vorgestellt. Die Diskurse in den sozialen Medien und auch in der psycho-onkologischen Literatur über Cancer Survivorship und Posttraumatic Growth werden kritisch beleuchtet und anhand einer soziologischen Vorgabe zur Entstehung von Mythen analysiert. Es besteht eine Diskrepanz zwischen dem Erleben der Krebsüberlebenden, den verschiedenen Diskursen und den Selbstdarstellungen von Betroffenen in den sozialen Medien.  Die Rahmenbedingungen, Produktion und Nutzen, sowie unerwünschte Wirkungen der archetypischen Figur des «Survivors» werden diskutiert und klinischen Erfahrungen bezüglich der Realität der Überlebenden von Krebserkrankungen gegenübergestellt. Eine Kontroverse über einen eigenen Beitrag zum Thema des Posttraumatic Growth illustriert abschließend, wie schwierig es sein kann, sich kritisch zu diesem Thema zu äussern.

 

 

Geheilt ist nicht gesund

Geheilt ist nicht gesund
Petra-Alexandra Buhl, Radolfzell

„Gilt man nach erfolgreicher Therapie als „geheilt“, verhalten sich der Gesundheitsapparat und das persönliche Umfeld so, als hätte man es mit einem Gipsbein zu tun gehabt: Alles wieder gut“, schreibt Petra Alexandra Buhl im Vorwort ihres Buches „Heilung auf Widerruf – Überleben mit und nach Krebs“. Mit 21 Jahren erkrankte Petra-Alexandra Buhl an Krebs. 30 Jahre später gilt sie als Langzeitüberlebende. In ihrem Sachbuch interviewte sie zahlreiche Frauen und Männer in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu ihren Erfahrungen nach unterschiedlichen Krebsdiagnosen sowie zu ihrer persönlichen Entwicklung. Mit allen Betroffenen wurden drei mehrstündige Interviews geführt. Davor füllten sie einen Fragebogen aus, der auf Diagnostik-Instrumenten wie TRUST-Resilienz-Fragebogen, Essener Ressourcen-Inventar ERI, PTSS-10 etc. fußt. Modelle zu Resilienz und Verarbeitung von kritischen Lebensereignissen sind weitere theoretische Grundlagen des Sachbuches. Die Langzeitüberlebenden berichten, wie man Krisen meistert und extreme Belastungen aushält, wie Menschen Sinn und Würde finden angesichts schwerer Krankheit und wie das Leben nach dem Schrecken weitergeht. Ihre verbleibende Lebenszeit ist von anderer Qualität und bietet Raum für ungeahnte Entwicklungschancen. Langzeitüberlebende sind die größte denkbare Hoffnung für jeden, der neu an Krebs erkrankt.

 

Nachsorgeprogramm für Langzeitüberlebende

Entwicklung und Evaluation eines Nachsorgeprogramms für Langzeitüberlebende
Anne Bach, Tübingen

In 2020 wurde am Universitätsklinikum Tübingen ein psychoonkologisches Programm mit dem Ziel entwickelt,
Menschen nach einer Krebserkrankung darin zu unterstützen, Kompetenzen zu einem guten Umgang mit möglichen psychischen Spätfolgen zu erlernen und bereits vorhandene Ressourcen wieder wahrzunehmen. Das Programm beinhaltet Themen wie Umgang mit Progredienzangst, Ressourcenstärkung und Vorstellung der Idee des posttraumatischen Wachstums, Kunsttherapie und Achtsamkeitstraining. Diese Themen wurden in der Literatur bereits ausführlich erforscht und vielfach als positiv unterstützend für Langzeitüberlebende beschrieben. Vorgestellt und diskutiert werden erste Erfahrungen bei der Entwicklung des Programms einschließlich einer Bedarfsanalyse und der weiteren Schritte.