Donnerstag 23.09.2021

17:00-18:00 Uhr; Prof. Dr. Udo X. Kaisers

Wie werden Digitalisierung und Künstliche Intelligenz die zukünftige Medizin verändern?

weitere Infos folgen in Kürze

18:00-19:00 Uhr; Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer

Einsamkeit

Einsamkeit erleben wir immer dann, wenn wir die Erfahrung machen, verlassen zu werden oder gerade verlassen zu sein. Es ist ein subjektives Gefühl, ist grundsätzlich unangenehm und geht mit Verhalten einher, das dem Zustand entgegenwirkt. Im Gegensatz dazu steht die objektive Tatsache der sozialen Isolation. Beides hängt zwar zusammen, ist aber nicht dasselbe: So können sich manche Menschen einsam fühlen obwohl sie dauernd unter Menschen sind. Andererseits gibt es ziemlich sozial isolierte Menschen, die damit gut leben und denen das nichts ausmacht.

Einsamkeit erleben Frauen häufiger als Männer und jüngere Menschen häufiger als ältere. Beides mag zunächst verwundern, denn erstens sind Frauen im Vergleich zu Männern die „sozialeren“ Wesen und zweitens fallen vielen Menschen beim Thema „Einsamkeit“ vor allem ältere Menschen ein.

Bei chronischer Einsamkeit ist die Konzentration von Stresshormonen im Körper erhöht. Die wiederum führen langfristig zu Schlaganfällen, Herzinfarkten, Infektionskrankheiten, Krebs, Knochenbrüchen und Depression sowie möglicherweise sogar Demenz. Einsamkeit geht daher mit einem deutlich erhöhten Sterberisiko einher, wie man erst seit etwa 10 Jahren weiß.

Die „Behandlung“ von Einsamkeit ist keineswegs leicht, denn Einsamkeit wird als stigmatisierend erlebt, weswegen schon das Suchen nach Abhilfe kaum erfolgt. Man muss sehr behutsam vorgehen. Der Rat „geh doch mal wieder unter Leute“ ist etwa so als würde man einem Rollstuhlfahrer sagen: „Steh doch mal auf“ – genau das kann der ja nicht. Ein chronisch einsamer Mensch kann eben nicht mehr „einfach unter die Leute gehen“.  Anderen helfen, in die Natur gehen, gemeinsame Aktivitäten (Musizieren, Sport, Theater, „Werkeln“ jeglicher Art) können helfen. Der Betroffene als auch derjenige, der helfen möchte, brauchen gleichermaßen viel Geduld; schnelle Lösungen, Tricks oder Tipps gibt es nicht.

Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer studierte in Freiburg Medizin, Psychologie und Philosophie. Nach seiner Habilitation für das Fach Psychiatrie war er als Oberarzt an der psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg tätig. Forschungsaufenthalte in den USA (Harvard University und University of Oregon) prägten das weitere wissenschaftliche Werk von Manfred Spitzer an der Schnittstelle von Neurobiologie, Psychologie und Psychiatrie. Seit 1997 ist Manfred Spitzer Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm. 2004 gründete er das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL).